Kurs III Modul 1 - Meinungsbildung in der digitalen Gesellschaft

Geschätzte Dauer
30 Minuten
Intro

In diesem Modul behandeln Sie die folgenden Themen:

  • Veränderung der Medienlandschaft und ihrer Akteur*innen
  • Meinungsbildungsfunktion von Medien
  • Veränderung von Meinungsbildungsprozessen in der digitalen Gesellschaft
  • Unterrichtsvorschläge zur Thematisierung von Meinungsbildungsprozessen

Jeder Kurs besteht aus zwei Modulen, die immer gleich aufgebaut sind. Sie beginnen mit einem Input, der aus mehreren Infoblöcken bestehen kann. Darauf folgt eine Reflexion zur persönlichen Standpunktbestimmung. Nach einem weiterem Input folgen Unterrichtsideen in der Werkstatt. Jedes Modul schließt mit einem Test ab.

1 Input

Auch um Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Verweildauer wird von den Medien und Medienplattformen gekämpft! Wie und warum? Und mit welchen Veränderungen der Medienlandschaft sind Sie heute auf der Suche nach Informationen und Kommunikation konfrontiert? Liken, teilen oder kommentieren Sie? Welchen Einfluss haben all diese Faktoren auf Ihren Meinungsbildungsprozess? Und wovon sind Ihre Schüler*innen beeinflusst?
Diese Zusammenhänge erfahren Sie in diesem Modul. Los geht’s!

Wie funktioniert Meinungsbildung in der digitalen Gesellschaft?

Grundrechte

Grundrechte
© Thomas Imo | photothek.de

Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes setzt durch die Formulierung der Grundrechte zu Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, freier Kommunikation und Presse- bzw. Rundfunkfreiheit den Rahmen für Meinungsbildungsprozesse im öffentlichen und privaten Raum. Er regelt die Schutzbereiche (z.B. Jugendschutz) und auch die Freiheit von Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre und gilt sowohl für die Äußerung wie auch die Verbreitung von Meinungen, also wo und wie eine Meinungsäußerung stattfindet.
 

Unabhängige Medienlandschaft

Medienlandschaft
© Ute Gabrowsky | photothek.de

Freie Berichterstattung erfüllt eine wichtige Kritik- und Kontrollfunktion. Eine unabhängige Medienlandschaft, vielfältige frei zugängliche Informationsquellen und Austauschmöglichkeiten sind Grundlage für eine pluralistische, demokratische Wissens- bzw. Informationsgesellschaft. Eine ausgeprägte Debattenkultur sichert die Transparenz von Entscheidungsprozessen mit der Abwägung aller Interessen und sorgt für mehr Akzeptanz darauf basierender Beschlüsse. Bestenfalls sollten Meinungsbildungsprozesse auf Grundlage geprüfter und verifizierter Informationen und Nachrichten geschehen.
 

Schwindende Gatekeeper-Funktion

Gatekeeper
© Thomas Köhler | photothek.de

Allerdings werden die Überprüfung und Einschätzung von Informationen durch die Vielzahl und das Nebeneinander von Akteur*innen der Meinungsbildung zunehmend aufwändiger. Neben der persönlichen Lebensrealität stehen Konzepte von Realitätsvermittlung der klassischen Massenmedien, wie auch die einzelner Interessengruppen in direkter Kommunikation durch Soziale Medien oder algorithmisch generierter Informationen. Die Deutungshoheit bzw. Gatekeeper-Funktion von professionellen Journalist*innen und klassischen Medienangeboten verliert zunehmend an Gewicht.
 

Medienkompetenz 

Erst das Wissen um die Komplexität der Faktoren hinter den Informationen, Themen, Meinungen und Algorithmen im Netz trägt zu einem souveränen Umgang mit der Bildung und Kommunikation eigener Meinung bei. 

Das nachfolgende Video benennt Medienakteur*innen, ihre Funktionen und Einflussfaktoren auf die Meinungsbildung.

Ob Sie die Fachbegriffe und Akteur*innen aus dem Video kennen, können Sie gleich testen.

Sie haben jetzt Akteur*innen und erste grundlegende Faktoren zur Meinungsbildung kennengelernt. Aber wie bilden Sie sich selbst eine Meinung? Das können Sie im folgenden Abschnitt anhand von sechs Fragen reflektieren. Nehmen Sie sich etwas Zeit und schätzen Sie sich selbst ein: Wie funktioniert Ihre eigene Meinungsbildung? Wo und wie informieren Sie sich? Und wie recherchieren Sie Informationen?

 

2 Reflexion

Bei allen Reflexionsfragen können Sie beliebig viele Antworten auswählen. Es gibt keine „falschen“ und „richtigen“ Antworten; vielmehr geht es darum, das eigene Verhalten zu reflektieren. Die Auswertung zeigt Ihnen, wie die anderen Nutzer*innen geantwortet haben. Die Reflexionsfragen können auch Einstieg in eine Unterrichtsstunde sein.

3 Input

Ist Ihnen aufgefallen, wie selbstverständlich Sie auf verschiedene Quellen für Ihre Meinungsbildung zurückgreifen können und wie unabhängig Sie in Ihrer Meinungsbildung sind? Eine vielfältige Debattenkultur und freie Meinungsäußerung sind unabdingbar für eine demokratische Gesellschaft, die ständig Wandlungen ausgesetzt ist und vor neuen Herausforderungen steht.

Wie sich Meinungsbildungsprozesse durch Digitalisierung und Vernetzung verändern, erfahren Sie jetzt.

Wie hat sich Meinungsbildung verändert?

Meinungsmarkt

Tagesschau-App
© Thomas Trutschel | photothek.de

Im Meinungsmarkt waren und sind journalistische Medienangebote neben den unmittelbaren Sozialisationsinstanzen des persönlichen Umfelds eine wichtige Informationsressource. 

Durch die Vielzahl und zunehmende Bedeutung von Online-Angeboten und neuen Akteur*innen verschiebt sich die Gewichtung der Nachrichtenquellen und somit das allgemeine Mediennutzungsverhalten, insbesondere die informierende Mediennutzung weg von den klassischen Informationsangeboten hin zu Online-Info-Angeboten.

 

 

Informationsmedium
© FSM e.V.

Wie hat sich Meinungsbildung verändert?

Rollenveränderung: Von Passiv zu Aktiv

Social Media
© Thomas Trutschel | photothek.de

Die Verlagerung der Nutzung hin zu Medienangeboten im Internet hat weitreichende Konsequenzen für den Meinungsbildungsprozess. Die Angebote etablierter Massenmedien stehen gleichberechtigt neben Content von Prosument*innen, politischen Akteur*innen, Personen des öffentlichen Lebens oder Public Relations. Kommunikation und Vernetzung können ohne Zwischeninstanz direkt stattfinden. Die Rollenveränderung von passivem Konsum zu aktiver Gestaltung zeigt die Wirksamkeit des eigenen Handelns im unmittelbaren, aber auch mittelbaren Umfeld. Durch eigene Produktion, teilen oder empfehlen von Inhalten, entsteht ein neues Verantwortungsgefüge für die in Umlauf gebrachten Aussagen.

Wie hat sich Meinungsbildung verändert?

Vernetzte Viele

Vernetzte Viele
© shutterstock.com

 „Die vernetzten Vielen des digitalen Zeitalters sind längst zur publizistischen Macht geworden. Sie (...) werden als Medienkritiker und Meinungskorrektiv aktiv, bilden Protestgemeinschaften, beeinflussen – über den Umweg der digitalen Öffentlichkeit – die Politik von Staaten und Unternehmen.“*

Im Netz finden Gleichgesinnte auch überregional leicht zusammen und können die spezifischen Online-Angebote für ihr Engagement nutzen. Dazu gehören die Veröffentlichung von Beiträgen auf YouTube, in Blogs oder themenspezifischen Wikis, die aktive Beteiligung in Foren und an Online-Petitionen, die Durchführung von Online-Kampagnen ebenso wie Counter Speech oder einfaches Liken.

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Quelle: Pörksen, Bernhard (2015): Die fünfte Gewalt. Die Macht der vernetzten Vielen. re:publica Media Convention, Short Thesis

Wie hat sich Meinungsbildung verändert?

Mehrheitsillusion

Mehrheitsillusion
© Thomas Trutschel | photothek.de

Aktivitäten können sich durch Vernetzungseffekte schnell multiplizieren.

Tatsächlich bedeutet die Präsenz eines Themas oder einer Position im Netz nicht immer, dass die Meinung der Mehrheit abgebildet wird. Diese verzerrte Wahrnehmung bzw. dieser Effekt der „Mehrheitsillusion“ (Begriff/These nach Kristina Lerman University of Southern California, Los Angeles) kann entweder infolge eines Vernetzungsergebnisses auftreten oder aufgrund der sogenannten „Schweigespirale“ (Begriff/These nach Elisabeth Noelle-Neumann, Institut für Demoskopie Allensbach).

Die Meinung besonders aktiver Netznutzer*innen mit vielen Kontakten ist durch die vielen Verknüpfungen präsenter. In Abhängigkeit vom Verhältnis der Kontakte und deren Vernetzung sieht der/die jeweilige Nutzer*in entweder die eigene Meinung unterrepräsentiert oder beeinflusst selbst die Wahrnehmung der Kontakte in die entgegengesetzte Richtung.

Wie hat sich die Meinungsbildung verändert?

Schweigespirale

Schweigespirale
© shutterstock.com

Die Wirkung der Schweigespirale erklärt sich aus der Annahme, dass sich die/der Netznutzer*in der vermuteten Mehrheitsmeinung anschließen oder sich ganz aus der Debatte zurückziehen und gar keine Meinungsäußerung abgeben, um sich sozial nicht zu isolieren. Das heißt: Auch wenn eine Meinung im Netz sehr stark vertreten ist, muss sie nicht die Mehrheitsmeinung abbilden. Sie kann sehr präsent sein, weil sie die Meinung besonders aktiver Nutzer*innen widerspiegelt, da sich andere Nutzer*innen mit gegenteiligen Standpunkten aus Angst vor den Konsequenzen gar nicht erst positionieren und damit nicht sichtbar werden. Konformitäts- und Bestätigungsdenken sind zusätzlich normierende Momente und können als Verstärker wirken.

Grundsätzlich werden die Informationsmöglichkeiten unübersichtlicher, kleinteiliger und bruchstückhafter. Nachrichten bzw. Informationen sind ständig gratis verfügbar, unabhängig von ihrer Relevanz. Die ständige Suche nach neuen Informationen zeigt sich auch in der Beschleunigung der Nachrichtenzyklen und Verkürzung der Refresh-Zeiten. 

Wie hat sich die Meinungsbildung verändert?

Algorithmen

Algorithmen
© shutterstock.com

Darüber hinaus ist der Einfluss technischer Algorithmen auf die präsentierten Informationen nicht immer transparent.

Filtermechanismen können in unterschiedlichsten Kontexten eingesetzt werden: Das reicht von Uploadfiltern der Netzwerkbetreiber bis zur Filterung individuell angezeigter Themen, von Mikrotargeting im Bereich politischer Botschaften und Nachrichten bis zu personalisierter Werbung. Zu den Parametern der Themenauswahl gehören Standortdaten, Betriebssystem, Browser oder auch die Häufigkeit von aufgesuchten Themen und Webseiten der jeweiligen Nutzer*innen. (Seit Mai 2018 sind mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und dem neuen Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) die Transparenz- und Dokumentationspflichten für personenbezogene Datenverarbeitung geändert und somit nachvollziehbarer für Nutzer*innen. Mehr Infos finden Sie dazu bei Interesse hier.)

Social Bots sind nicht notwendigerweise als automatisiert zu erkennen, sondern können als menschliche Ansprechpartner*innen auftreten. Durch die zielgruppengerechte Ansprachehaltung und Themenauswahl können Debatten systematisch beeinflusst und gelenkt werden, auch durch die Streuung methodischer Desinformation und die Multiplikationseffekte durch flooding, liken, teilen und generieren von Follower*innen.

Letztlich ist die Wahrnehmung von Informationen immer selektiv, unabhängig davon, ob sie persönlich oder algorithmisch gefiltert werden, durch Prozesse wie Fragmentierung, Filterblasen, Echokammern oder andere Mechanismen ausdifferenziert werden.

Als nächstes erfahren Sie, vor welchen Herausforderungen Medienexpert*innen durch die veränderten Meinungsbildungsprozesse stehen und wie sie damit umgehen.

 

Unter welchen Bedingungen funktioniert Journalismus in der digitalen Gesellschaft?

Fünfte Gewalt der vernetzten Vielen

Fünfte Gewalt
© shutterstock.com

Die Rolle des Journalismus in der digitalen Gesellschaft verändert sich durch den Wandel der Medienlandschaft in mehrfacher Hinsicht. Journalistische Nachrichtenangebote genießen nicht länger das Alleinstellungsmerkmal bei der Informationsversorgung der Öffentlichkeit. Die Position der öffentlichen Medien als vierte Gewalt verändert sich durch die „fünfte Gewalt der vernetzen Vielen“ (Begriff nach Bernhard Pörksen, Universität Tübingen). Ihre Bedeutung als klassische Gatekeeper ist im Kontext vieler Informationsalternativen geschwächt.
 

Globales Mediengeschäft

Das vergrößerte Informationsangebot, die Geschwindigkeit der Nachrichtenzyklen, gezielt gestreute Fehlinformationen, Propaganda oder Fake News, digitale Tools zur Bildbearbeitung, unlautere Methoden bei der Informationsbeschaffung etc. erschweren es überdies, die Wahrheit oder Quelle einer Nachricht zu überprüfen. Umdeutungen, falsche Kontexte und Zeugen mit maßgeschneiderten Bildern und Texten oder Informationen, die den Erfordernissen des Pressekodex nicht standhalten, haben (nachhaltigen) Einfluss auf das Nachrichtengeschäft. 

Journalismus unterliegt im globalen Mediengeschäft auch Wettbewerbsbedingungen. Entscheiden sich Journalisten*innen aus Skepsis eine Meldung nicht zu bringen, die sich aber doch als wahr herausstellt, verlieren sie unter Umständen nicht nur Aufmerksamkeit bzw. Marktanteile, sondern auch an Glaubwürdigkeit.

Die Rolle des professionellen Journalismus hat sich also gewandelt. Hören Sie die Perspektive von Armin Himmelrath (Bildungsredakteur, Der Spiegel), wie er seine Rolle im Meinungsbildungsprozess sieht.

Platzhalter_Perspektive_Medienexperte
© FSM e.V.
4 Werkstatt

Hier finden Sie Vorschläge wie Sie das Thema Meinungsbildung im Unterricht einbinden können. Die Sammlung wächst mit Ihren Ideen - es lohnt sich also immer wieder, vorbei zu schauen. Viele weitere Ideen für Ihren Unterricht finden Sie im Bereich Materialien.

5 Test

Jetzt können Sie testen, ob Sie alle Fragen zum Modul 1 schon beantworten können. Viel Spaß dabei!

Nachdem Sie jetzt einige Hintergründe kennen gelernt haben und sich mit Meinungsbildungsprozessen aus Ihrer eigenen und der Perspektive von Medienexpert*innen auseinander gesetzt haben, können Sie im Modul 2 Ihren Blickwinkel um die Perspektive von Jugendlichen erweitern.

Outro

Hier geht es direkt zu Modul 2 dieses Kurses.

Vielleicht interessiert Sie jetzt aber ein anderes Kursthema? Im Kurs 4 geht es z. B. um die Entstehung und Funktion von Desinformation.

Einen Überblick zu allen Kursthemen und Modulen finden Sie hier.

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